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Jenseits des Zeitgefühls - Das Tawaraya Ryokan in Kyoto

Die Ryokans sind die traditionellen Gasthäuser Japans. Einst wurden sie für reisende Kaufleute errichtet und können oft auf eine lange Geschichte zurückblicken. Das Tawaraya Ryokan ist wohl das berühmteste unter ihnen.

Blick vom zentralen Lichthof auf eine Treppenstufe vor der geöffneten Schiebetür, die in das Tawaraya Ryokan führt

In drei Jahrhunderten hat es zahlreiche hochrangige und prominente Gäste jeder Epoche beherbergt und gilt als eines jener Hotels, in denen man einmal in seinem Leben übernachtet haben sollte. Wer die Schwelle dieses besonderen Ortes überschreitet, versteht auf Anhieb warum – denn auf der anderen Seite wartet eine einmalige Welt für alle Sinne.

Der zentrale Lichthof, der den Gast empfängt, verändert sich mit den Jahreszeiten. Im Frühjahr steht hier ein Kirschbaum, im Sommer ein Blauregen und zum Jahresende ein Busch, der mit rosa Wattebäuschchen besteckt ist, die an zarte Blütenknospen erinnern. Sie verkörpern die Hoffnung auf den Frühling. Im Inneren des 300 Jahre alten Hotels eröffnet sich ein Gesamtkunstwerk nobler Unscheinbarkeit, das japanische Tradition und westliche Bedürfnisse auf unvergleichliche Weise vereint.

Im Inneren wird man von vielen Lichtquellen und warmen Holz, Ton und Erdfarben empfangen
Pflanzen im Innenhof des Ryokans

Schien dem Gast eben, vor dem Betreten des Hauses, noch die Mittagssonne ins Gesicht, so wird er mit jedem Schritt, der ihn weiter hineinführt, umfangen von Patina und Dämmerung, die das Tageslicht zuerst filtern, dimmen und tiefer im Inneren fast ganz verschlucken. Bald verliert man das Zeitgefühl. Es entwickelt sich eine Magie, die keinesfalls zufällig ist. Vielmehr verbirgt sich dahinter die traditionsreiche Kunst, durch präzise Ausrichtung des Lichteinfalls und minutiöse Steuerung der Lichtintensität Atmosphäre zu erzeugen. Die Vollkommenheit dieses Balancierens des natürlichen Lichts erschließt sich dem Gast spätestens beim Betreten eines der 18 Hotelzimmer, deren pure Schönheit maßgeblich von den Abstufungen des Schattens ausgeht.

Dafür sorgen sogenannte Shojis vor den Fenstern und Schränken – aufwändig gefertigte Sichtblenden aus zwei, manchmal sogar drei Lagen japanischen Washi-Papiers, die gerade fest genug und doch so locker auf einem Holzgitter aufgebracht werden, dass der Schatten, den das Gitter auf das Papier wirft, diffuser ist und dadurch wärmer wirkt als bei nur einer Lage Papier. Ergänzend hängt vor jedem Fenster bis etwa zur Augenhöhe eine Jalousie aus Bambus, damit das Sonnenlicht nicht blendet und die Aufmerksamkeit auf den Reichtum der Schattierungen des bemoosten Gartens gelenkt wird, in dem bis weit in den Herbst buntes Ahornlaub sichtbar bleibt.

Blick von einem der Zimmer in den Innenhof
Stilvolles Hotelzimmer, in der charakteristischen, vom japanischen Washi-Papier erzeugten Lichtstimmung

Jedes Zimmer bietet dabei seinen eigenen einzigartigen Blick auf den Garten, dessen dunkle Farben und Komposition den Geist erfrischen sollen. Direkt nach seiner Ankunft kann der Gast dieses liebevoll angelegte Naturkunstwerk aus einer ganz besonderen Perspektive genießen: Durch das raumhohe Fenster des Badezimmers, in dem die robuste Wanne aus Steineibe bereits für ein heißes Bad vorbereitet ist, um die Strapazen der Reise abzuwaschen. Das Holz verströmt einen ebenso wohltuenden Duft wie die von Hand aus Reisstroh und Binsen gefertigten Tatami-Matten, die einmal jährlich in allen Zimmern neu verlegt werden.

Schmuckecke mit zentralem Holztisch und kleiner Holzfigur. Im Hintergrund die Pflanzen des Innenhofs
Schmuckecke mit zentralem Holztisch und kleiner Holzfigur. Im Hintergrund die geschlossene, mit Washi-Papier bezogene Blende.

Auf diese Weise neu belebt, kann man sich anschließend den vielen weiteren Eindrücken widmen, die das Tawaraya Ryokan bereithält: Den nach präzisen traditionellen Regeln gestalteten Schmuckecken, sogenannten Tokonoma, mit ihren typischen Rollbildern. Manchmal, wenn gerade ein entsprechender Anlass besteht, den historischen Paravents, die von alten Bräuchen erzählen. Oder den liebevoll arrangierten Gestecken aus frischen Blumen aus dem kleinen Garten auf dem Dach, die sich in antiken Vasen im gesamten Ryokan finden und sich wie der Lichthof mit den Jahreszeiten verändern.

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