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Die Kunst, offline zu gehen

Die Errungenschaften der digitalen und mobilen Technologien locken tagtäglich mit der Möglichkeit, dauerhaft auf Empfang zu sein. Wir alle sind dem ausgesetzt: Zu jeder Zeit und überall können wir das Netz befragen, lassen sich eMails abrufen und Nachrichten senden.

In Ruhe die Umgebung auf sich wirken zu lassen ist eine Kunst in der immer schneller werdenden Welt.

Durch den fortwährenden Fluss an Informationen und das Knüpfen neuer Kontakte hat sich die Welt in großem Maße beschleunigt. Darüber hinaus ist eine ganz neue Erwartungshaltung an die permanente Verfügbarkeit eines jeden Einzelnen in unser Leben eingekehrt, die schleichend zur Selbstverständlichkeit geworden ist. „Immer online sein“ ist en vogue. Doch, wer immer online ist, ist zwar jederzeit auf dem aktuellen Stand, gleichzeitig aber dem stetigen Druck ausgesetzt, sofort und adäquat reagieren zu müssen. Umso essentieller ist es, sich hin und wieder eine Oase der Entschleunigung und Entspannung zu schaffen, um die eigene Mitte zu bewahren und langfristig im Gleichgewicht zu bleiben.

Die Bedeutung der inneren Balance

Dabei ist das Wissen um die Bedeutung der inneren Balance keine Begleiterscheinung einer sich beständig beschleunigenden Welt. Vielmehr ist es eine Rückbesinnung auf Werte und Weisheiten, die schon seit Jahrtausenden vor allem von fernöstlichen Kulturen gelebt werden. Insbesondere der Zen-Buddhismus, mit seinen langsamen, immer wiederkehrenden Ritualen vermag es, sowohl den Geist zu öffnen als auch die Konzentration zu fördern und dadurch die eigene Mitte auszubalancieren. Hier gibt es sieben sogenannte Hauptwege zu beschreiten. Zu ihnen gehören unter anderem Chado, der Weg des Tees mit seiner Teezeremonie, Shodo, der Weg des Schreibens und der Kalligraphie, Kado, der Weg der Blumen und des Ikebana und natürlich Kare-san-sui, der Weg der ausgetrockneten Landschaft, auch bekannt als Zen-Garten. Diese traditionellen Tätigkeiten spenden Kraft durch Meditation, da sie mit großer Geistesgegenwart und in einer festgelegten Form verrichtet werden.

Kare-san-sui, der Weg der ausgetrockneten Landschaft, auch bekannt als Zen-Garten ist eine der bekanntesten Traditionen der fernöstlichen Kultur.

Die Quelle der Kraft liegt im Hier und Jetzt

Die fernöstlichen Werte und Weisheiten lassen sich auch in unsere westliche Welt übertragen. Denn unsere eigene Insel der Entschleunigung und Entspannung können wir uns tagtäglich selbst erschaffen: Zu Hause mit der Familie, die uns stützt und stärkt, im Kreise lieber Freunde, die uns bereichern und begleiten oder in der Natur, die unsere Sinne erfreut und uns erdet. Die Quelle der Kraft liegt darin, das Hier und Jetzt zu genießen. Sich wirklich auf den Moment zu konzentrieren, die Schönheit des Augenblicks aufzunehmen und zu bewahren – ohne der vermeintlichen Verpflichtung nachzugehen, die eigenen Erlebnisse sofort digital teilen zu müssen.

Erinnerungen bewahren und den Geist wandern lassen

Der vielfach ausgezeichnete japanische Designer und Dozent Shinichiro Ogata formuliert es mit folgenden Worten: „Auf meine eigene Stimme zu hören, meine inneren Wurzeln zu spüren und mir vorzustellen, wo ich aufgewachsen bin, umgeben von der Natur in Nagasaki, gibt mir Kraft. Mein Geist wandert häufig zurück in meine Kindheit, denn in Japan ist es Tradition, alte Orte im Herzen zu bewahren. Darum reise ich so viel wie möglich durch das Land, um sie in meinem Geist lebendig zu halten.“ Schöner lässt sich die Kunst, offline zu gehen, kaum beschreiben.

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